Wohin entwickelt sich das Internet?
Geschrieben von Peer in Internet, Wirtschaft, tags: ACTA, Facebook, Googe, Internet, Internet-Maut, Internetsperren, ZensurSind die Nutzer im einst so demokratischen Medium balb Staatsmacht und großen Unternehmen ausgeliefert?
Das Internet hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren zu einem echten Massenphänomen entwickelt. Firmen und Organisationen nutzen das www als Möglichkeit zur Präsentation, zahllose Internethändler verkaufen hier ihre Waren, Portale versorgen die Nutzer mit Nachrichten und Informationen, Privatpersonen pflegen ihre Hobbys öffentlich. Das so genannte Web2.0 hat das Internet noch einmal attraktiver gemacht, schließlich können sich die Nutzer jetzt auch direkt zu der einen oder Meinung oder über ein Produkt äußern, in sozialen Netzwerken hält man Kontakte zu alten Freunden und knüpft Bindungen zu neuen. Das Internet ist ein extrem demokratisches Medium. Für jeden noch so abwegige Interesse findet sich ein Plätzchen im virtuellen Raum und dort können Menschen frei von gesellschaftlichen Zwängen über jedes Thema diskutieren.
Soweit die Theorie, doch die Praxis sieht ganz anders aus, denn solange es das Internet gibt, gibt es auch die Angst vor Überwachung und Zensur. In Staaten wie China ist es quasi selbstverständlich, dass der Staat bestimmt, was seine Bürger sich im Netz anschauen dürfen, doch auch im ach so demokratischen Europa gibt es immer wieder Bestrebungen, das Internet zu kontrollieren. Vorgeschoben werden vor allem Terrorismus (Information und Verabredung zu Straftaten) und Kinderpornographie als die Hauptargumente, die eine Zensur im Internet notwendig machen. Vor allem denjenigen, die sich kaum mit dem Netz beschäftigen und es aus den Medien nur als Hort von Pornographie und Verbrechen kennen, stimmen hier vorbehaltlos zu. Der griffige Slogan „Auch das Internet ist kein rechtsfreier Raum“ bringt diese Haltung auf den Punkt. Das von „Zensursula“ auf den Weg gebrachte Telemediengesetz beinhaltet die Sperrung von Seiten durch das Bundeskriminalamt (BKA) ohne eine zwischengeschaltete richterliche Instanz, die ihrerseits die Zulässigkeit der Maßnahme prüft. Die Behörde wird damit zu Kläger und Richter in einem – ein deutlicher Verstoß gegen die Gewaltenteilung in unserem Staate.
Auf der anderen Seite stehen die, die die Möglichkeiten des Netzes kennen und quasi jeden Inhalt, der darin verfügbar ist, für Gemeineigentum halten. Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob Robby Williams oder Joanne K. Rowling verhungern müssen, wenn sich der eine oder andere Internetnutzer kostenfrei seine Kopie ihrer Werke zieht. Da wir aber noch immer in einer Gesellschaft leben, in der Künstler, Schriftsteller etc. vom Verkauf ihrer kreativen Elaborate leben müssen, finden die und die sie vertretenden Verlage und Unternehmen die kostenlose Aneignung selbstverständlich nicht gut. Kann man irgendwie verstehen, oder? Da die Unternehmen gute Kontakte zur Politik haben (“Lobbyismus”), versuchen sie ebenfalls immer wieder, die Freiheiten des Netzes zu ihren Gunsten zu beschneiden. Aktuelle ist das internationale Handelsabkommen „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“, kurz ACTA, in aller Munde. 38 Staaten beraten dabei hinter verschlossenen Türen über Möglichkeiten, „Raubkopierer“ und „Produktpiraterie“ im Allgemeinen zu sanktionieren. Im Gespräch sind nach bisher unbestätigten Informationen Maßnahmen wie Netzsperren bei Urheberrechtsverstößen, Providerhaftung und Inhaltsfilter. Sollte dieses Abkommen umgesetzt werden wie geplant, heißt das nichts anderes, als dass sich im Falle eines Falles zehntausende Webnutzer nach einem neuen Dienstleister umschauen müssen, wenn zum Beispiel ein Provider aufgrund einer Schadensersatzklage pleite geht. Mancher unvorsichtige Webmaster dürfte seine kompletten Inhalte einbüßen, manch Shop aufgrund von langfristiger Nichtverfügbarkeit in den Bankrottstrudel gerissen werden. Und auch der “kriminelle” User ist direkt betroffen: In Frankreich gibt es bereits ein Gesetz, dass es ermöglicht, „Raubkopierer“ vom Netz zu trennen. Wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Internetnutzer sich schon einmal Software oder Musik am Verwerter vorbei im Netz organisiert hat, dann wird klar, was das bedeutet.
Als wäre die drohende Zensur und der Ausschluss von nicht gefügigen Nutzern nicht schon schlimm genug, droht unter dem Stichwort „Internet-Maut“ eine weitere Gefahr für das Internet als demokratisches Medium. Plattformen wie Youtube haben den Datentransfer im Internet in den letzten Jahren extrem ansteigen lassen. Wie bei einer Landstraße, die auch nur für einen bestimmte Menge Fahrzeuge ausgelegt ist, kommt es da immer wieder zu „Verstopfungen“. Der Ausbau der Infrastruktur kostet Geld, eine Alternative und gleichzeitig eine Einnahmequelle ist das Verlangen von Gebühren für den Datentransfer. Das würde über kurz oder lang dazu führen., dass große Unternehmen das Netz beherrschen, denn die sind am ehesten in der Lage, diese Kosten aufzubringen. Kleine Seiten, Hobby-Homepages oder unabhängige Foren hätten das Nachsehen, denn mit erheblich gestiegenen Ladezeiten sinkt ihre Attraktivität.
Die Kommerzialisierung des Netzes hat schon vor einiger Zeit eingesetzt. Insbesondere in sozialen Netzwerken werden die Nutzer mit der Aussicht auf Teilhabe gelockt und dann mit Werbung zugeballert. Dank neuerer Techniken lassen sich anhand des Surfverhaltens maßgeschneiderte Anzeigen generieren, durch die der Kaufimpuls erhöht werden kann. Das Internet wird somit immer mehr zum Verführungs- und immer weniger zum Informations- und Austauschmedium. Ein Traum für die Konzerne, die ihre Produkte dann noch besser absetzen können. Ein Alptraum für die Demokratie, denn mit steigendem Einfluss im Netz bestimmen die Unternehmen, welche Inhalte für uns verfügbar sind.
Auch wenn ich nicht die Absicht hatte, Schwarzmalerei zu betreiben, so sehe ich dass sich das Internet derzeit in eine sehr ungute Richtung entwickelt bzw. dass dem demokratischen Medium viele Gefahren drohen. Dabei bin ich an dieser Stelle noch nicht einmal auf die „Datenkrake Google“ eingegangen oder darauf, welche absonderlichen Ideen z.B. Herrn Zuckerberg von Facebook umtreiben. Der träumt in seinem Nerd-Machbarkeitswahn davon, uns bzw. unsere Handys mit RFID-Chips auszurüsten, die unseren Freunden allzeit mitteilen, in welcher Bar wir uns gerade befinden. Und nicht nur denen. Privatsphäre war gestern und der totale Überwachungsstaat ist längst keine allzu ferne Zukunftsvision mehr. Nur dass nicht unbedingt die Regierung auf der anderen Seite des Bildschirms sitzt, sondern eher vielleicht Herr Zuckerberg und seine Kollgen…
Einträge (RSS)
[New Post] Wohin entwickelt sich das Internet? – via @twitoaster http://www.peer-spektive.de/wirtschaft/w...
via Twitoaster
Hier noch ein weiterer Aspekt der Diskussion zur Internetentwicklung: Die Google-Erweiterung “Suggest” sorgt dafür, dass Suchanfragen immer mehr im Mainstream liegen.