Vertrauenssache
Geschrieben von Peer in Wirtschaft, tags: Entlassung, hire & fire, Kündigungsschutz, soziale Sicherheit, VertrauenDer Kündigungsschutz in unserem Land ist ein hohes Gut. Das „hire & fire“ – „heuern & feuern“ aus den Zeiten des Frühkapitalismus ist bei uns zum Glück abgeschafft. Gelegentlich wünschen sich manche Arbeitgeber solch eine Praxis zurück aber die Mehrheit der Deutschen wird die aktuelle Gesetzgebung begrüßen, ist es dadurch für den Arbeitnehmer doch möglich, sich gegen eine ungerechtfertigte Entlassung zu wehren oder sich bei erfolgter Entlassung Dank gesetzlicher Kündigungsfrist rechtzeitig nach einer neuen Arbeitsstelle umzusehen. So weit so gut. In letzter Zeit häufen sich jedoch die Fälle, in denen langjährige Mitarbeiter aufgrund von lächerlichen Verfehlungen fristlos auf die Straße gesetzt werden, weil der Arbeitgeber das „Vertrauensverhältnis“ gestört sieht. Dass diese Begründung nur eine fadenscheinige Ausrede ist, wird schnell klar, wenn man die bekannten Fälle Revue passieren lässt: der Flaschenbon zu 1,30 Euro, ein weggeworfener Gegenstand (ich glaube, es handelte sich um eine Lampe) aus dem Sperrmüll oder ganz aktuell eine Bulette mit Brötchen waren „Anlass“ für Entlassungen. Seltsamerweise traf es meist älter Arbeitnehmer, die zum Teil schon über 20 Jahre in den Unternehmen arbeiteten.
Die Erklärung für dieses eigentümlich Phänomen liegt auf der Hand: Von langjährigen Mitarbeitern, speziell wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, kann sich der Arbeitgeber aufgrund des Kündigungsschutzes nur noch schwer trennen. Das ist schon vernünftig, denn Ältere haben es besonders schwer, einen neuen Arbeitsplatz zu finden und müssen besonders geschützt werden. Für mich stellt sich die Frage, warum der Chef sich seiner Angestellten überhaupt entledigen will: Selbstverständlich kosten weniger Arbeiter auch weniger Geld, nur ist es kaum möglich, diese Entwicklung endlos weiterzutreiben. Irgendwann ist die Grenze erreicht. Die andauernde Belastung der verbliebenen Arbeiter führt zu erhöhtem Stress und damit zu mehr Ausfällen aufgrund von Arbeitsunfällen oder Krankheiten. Selbstverständlich gibt es Jobs, für die sich recht schnell und unkompliziert eine Ersatz-Arbeitskraft finden lässt; wer bloß Dreck in eine Schubkarre schippen muss und das Ganze dann auf einen Haufen schütten, der braucht keine allzu ausführlich Anleitung. In vielen Branchen dauert es aber einige Zeit, bis das notwendige Fachwissen erworben ist. In dieser Zeit ist der neue Mitarbeiter weniger effektiv und er macht, was unvermeidbar ist, manchen Fehler. Ein ständiger Wechsel der Arbeitskräfte sollte also bis auf wenige Ausnahmen den Arbeitgeber teurer zu stehen kommen als ein älterer Angestellter, der langsamer aber gewissenhaft seinen Job macht. Sicher, ein Mitarbeiter, der im Vergleich zu einem anderen nur 90 Prozent Leistungsfähigkeit entwickelt, ist auf den ersten Blick teurer als sein Kollege. Aber ist das wirklich so schlimm? Vielleicht hat er ja auch Qualitäten, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen. Seine langjährige Erfahrung kann dem Unternehmen gerade in schwierigen Situationen hilfreich sein. Oder er sorgt mit seiner Gelassenheit für ein gutes Betriebsklima. Denn das ist nach dem derzeitigen Wissensstand einer der Hauptpfeiler effektiver Arbeit. Ist das Vertrauensverhältnis aber erst einmal gestört; wenn Jeder denkt, dass es ihn als Nächsten treffen kann; dann geht es erfahrungsgemäß bald auch mit den Umsätzen abwärts.
Doch das ist noch nicht die ganze Wahrheit; jeder Unternehmer hat auch eine soziale Verantwortung. Manchem muss es sicher explizit gesagt werden: Gewinnmaximierung ist nicht das Ziel unserer Gesellschaft. Das Primat der Wirtschaft verdrängt zusehends die Frage nach dem Sinn unseres Tuns. Selbstverständlich müssen wir effektiv wirtschaften, denn die Ökonomie bildet die Basis für unser Überleben. Doch wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben. Soziale Sicherheit ist nicht nur ein Nebeneffekt des Wirtschaftens. Sie ist die Voraussetzung für eine funktionierende Gemeinschaft und Grundlage des Wohlstandes.
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