Dioxin verdirbt nicht nur den Teint
Geschrieben von Peer in aktuell, Wirtschaft, tags: Chemie, Dioxin, Dioxine, Eier, Fleisch, Futtermittel, industrielle Landwirtschaft, Lebensmittelskandal, Pflanzenschutzmittel, Schlachtabfälle, Seveso, technische Fette, TierkörperverwertungOder: Auch billiges Essen gibt es nicht umsonst
Deutschland hat mal wieder einen Lebensmittelskandal. Diesmal ist es Dioxin in Eiern und in Fleisch, das uns den Appetit vermiest. Manchmal frage ich mich, ob wir ein Dritte-Welt-Land sind oder eine der wichtigsten Industrienationen. Doch hoppla, vielleicht liegt es ja genau daran: In einem Dritte-Welt-Land versorgen sich die meisten Menschen noch selbst – meist mehr schlecht als recht. Pflanzenschutzmittel und ähnliche Produkte sind zu teuer, Hühner müssen noch selbst geschlachtet werden oder kommen so gut wie nicht auf den Tisch. Bei uns gibt es für alle diese Zwecke eine Industrie, die uns übers ganze Jahr mit den Lebensmitteln versorgt, die eigentlich keine Lebensmittel mehr sind, sondern Produkte der Lebensmittelchemie.
Ein bisschen Chemie
Doch beginnen wir ganz am Anfang. Was ist eigentlich Dioxin? Ein Blick in die Wikipedia schafft Aufklärung: Dioxin gibt es nicht, nur Dioxine, denn dabei handelt es sich um eine Gruppe chemischer Substanzen, die Polychlorierten Dibenzodioxine und Dibenzofurane. Diese chemisch ähnlich aufgebauten Substanzen entstehen als Nebenprodukt in der Chemischen Industrie oder aber ungewollt bei unvollständigen Verbrennungsreaktionen. Technisch werden die Stoffe nicht genutzt.
Das Problem mit den Dioxinen: Sie sind hochgiftig, langlebig – d.h. chemisch stabil, wasser- und fettlöslich und recht mobil. So finden sich bei Verbrennungsprozessen entstanden Dioxine, durch den Wind breit in der Atmosphäre verteilt, nach dem absetzen oder abregnen auch im Wasser und im Boden wieder. Mit anderen Worten: Dioxine sind allgegenwärtig und ihre Aufnahme lässt sich kaum vermeiden. Nach der Katastrophe von Seveso hat man sich recht erfolgreich bemüht die Entstehung und Verbreitung von Dioxinen einzuschränken, so zum Beispiel durch Filteranlagen bei Müllverbrennungsanlagen.
Wie kommt das Dioxin ins Fleisch?
Soweit so schlecht. Wo kommen aber die aktuellen Dioxine her? In einem Statement des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz heißt es, der Schadstoff wäre über technisch hergestellte „Mischfettsäure“ in die Nahrung der Tiere und damit in Eier und Fleisch gekommen. Besagte Fette sind mineralischen Ursprungs und selbstverständlich nicht für den Verzehr bestimmt, weder für den von Tieren noch von Menschen. Sie werden vor allem im Maschinenbau als Schmierstoffe eingesetzt. Daneben gibt es aber auch noch eine andere Klasse technischer Fette, die aus „Schlachtnebenprodukten“, man könnte auch sagen Schlachtabfällen, hergestellt werden.
Was heißt das: Mineralische technische Fette können nicht an Tiere verfüttert werden. Höchstwahrscheinlich, da kenne ich mich nicht so gut aus, ist es sogar verboten, mineralische und organische Fette in den selben Anlagen herzustellen. Zumindest aber sollte man dies erwarten dürfen, denn Erölgeschmack will niemand aufs Brötchen. Es ist wohl einigermaßen unwahrscheinlich, dass die Dioxine auf diesem Wege also infolge einer ungenügenden Reinigung der Anlagen und der Kontaminierung der tierischen Fette geschehen ist.
Bei den entsprechenden „Technischen Fetten“ handelt es sich also mit hoher Wahrscheinlichkeit um solche aus „Schlachtnebenprodukten“. Zur Fettgewinnung „werden [die Fette] entweder direkt aus Fettgewebe geschmolzen (Schmalz, Tran, Talg) oder aus Milch (Butter) gewonnen. Für Lebensmittel verwendeten pflanzlichen Öle und Fette werden aus Ölpflanzen oder Ölsaat durch Pressung oder Extraktion mit Dampf oder Lösungsmitteln gewonnen. Dioxine entstehen zwischen 300 und 500 Grad Celsius, Temperaturen, bei denen tierische Fette im allgemeinen schon zerstört werden. Das bedeutet: Die Dioxine sind nicht bei der Herstellung der technischen Fette erzeugt wurden, sondern waren bereits im Rohmaterial und damit im Körper der geschlachteten Tiere enthalten – was nicht unwahrscheinlich ist, denn das Gift sammelt sich im Muskelfleisch – oder sie sind nicht über die Fette ins Futter gelangt. Diese Annahme würde sich auch mit den Aussagen der Verbraucherorganisation foodwatch decken, die ausschließt, dass die Dioxine anders als über Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in unsere Nahrungskette gelangt sein können. Mit anderen Worten: Wenn sie nicht schon im Fleisch / Fett der „verwerteten“ Tiere waren, dann sind sie höchstwahrscheinlich über pflanzliche Bestandteile des Futters zugeführt wurden.
Systemwechsel!
Selbstverständlich ist es kritikwürdig, dass die Schlacht- und Futtermittelbetriebe selbst nicht zu einer Kontrolle der Dioxinkonzentration in ihren Ausgangsstoffen und Produkten verpflichtet sind. Das sollte unbedingt geändert werden. Aber das allein wird nicht genügen. Die Landwirtschaft insgesamt muss sich ändern. So löblich es ist, wenn man schon Tiere schlachtet, diese komplett zu „verwerten“ und nichts verkommen zu lassen, so krank ist es doch, an Pflanzenfresser Tierreste zu verfüttern. Zumal es in unserer stark mit Schadstoffen belasteten Umwelt durch diese geschlossenen Prozesse zu einer immer stärkeren Anreicherung der Gifte kommt. Mit Sicherheit muss das ganze System der industriellen Landwirtschaft in Frage gestellt werden, das fordert mittlerweile sogar der Präsident des Deutschen Bauernbundes und CDU-Mitglied Kurt-Henning Klamroth.
An die eigene Nase fassen
Nicht vergessen werden darf bei der aktuellen Diskussion die Rolle des Verbrauchers. Eine industrialisierte Landwirtschaft ist nur denkbar, bei einem maßlosen „Hunger“ der Konsumenten und einer militanten „Geiz ist geil“-Mentalität. Immer mehr und immer billiger gibt es Lebensmittel eben nicht umsonst. Was wir an Geld sparen, bezahlen wir mit unserer Gesundheit. Ganz zu schweigen, von dem, was wir den Lebewesen, die wir verzehren und unser natürlichen Umwelt antuen…

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