Ein Gespenst geht um in Deutschland und dieses Gespenst heißt Thilo Sarrazin. Nun will ich mit diesem einleitenden Satz die Bedeutung des Herren Bundesbankers und seiner Äußerungen nicht mit denen von Karl Marx und des Kommunistischen Manifestes gleich stellen. Nur dürfte in letzter Zeit kaum Jemand so viel Wirbel verursacht haben, wie der gebürtige Geraer. Dem Verkauf seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ dürfte das alles andere als abträglich sein. Rein marketingtechnisch kann der Aufruhr Herrn Sarrazin also nur Recht sein. Das macht seine Thesen aber um keinen Deut besser.

Gelesen habe ich das Buch noch nicht, doch lässt sich z.B. bei Stern.de erfahren, worum es darin geht: Es geht kurz gesagt darum, wie die Muslime Deutschland erobern – und die Deutschen nichts dagegen tun. Nun gut, diesmal sind es also nicht „die Ausländer“ im Allgemeinen, sondern die Muslime, die uns „überfremden“ und uns ihren Lebensstil aufzwingen.

An den Rande gedrängt

Um eins voranzustellen: Ich kann Herr Sarrazins Furcht davor, Fremder im eigenen Land zu sein, ein Stück weit verstehen. Anlässlich einer Veranstaltung war ich einmal in Krefeld und dort trifft man im Stadtzentrum fast kaum noch einen Deutschen. In dieser geballten Form hatte ich das zuvor noch nicht erlebt, nicht einmal in Berlin-Kreuzberg. Das war sehr seltsam, fast schon unangenehm, doch ehrlich gesagt, habe ich mich davon nicht bedroht gefühlt. Auf der anderen Seite möchte ich da auch nicht leben. Nicht, weil ich etwas gegen Ausländer habe, sondern weil es einfach unangenehm ist, der „Außenstehende“ zu sein. Ein Gefühl, das viel „Migranten“, um diesen Ausdruck hier mal zu verwenden, ständig haben, insbesondere die, denen man ihre Herkunft von außerhalb Deutschlands auf den ersten Blick ansieht.

Dank Herrn Sarrazin wird in letzter Zeit wieder viel über Integration gesprochen aber meist nur im Zusammenhang mit der Unwilligkeit von Migranten, sich zu integrieren. Wie bitte aber sollte so eine Integration aussehen? Sollen alle, die hier ins Land kommen, Christen werden? Das kann ich als Atheist nicht gutheißen, schließlich haben wir auch die Religionsfreiheit und damit auch die Freiheit von der Religion in unserem Grundgesetz verankert. Schon an diesem naheliegenden Beispiel wird deutlich, dass wir uns die Zuwanderer nicht so einfach nach unseren Vorstellungen zurechtbiegen können, denn wer gibt so mir nichts dir nichts seine Glaubensgrundsätze auf? Hinzu kommen noch allerhand kulturelle Unterschiede, wie das Kopftuchtragen – um nur einmal das prominenteste zu nennen. Auch diese Andersartigkeit müssen wir akzeptieren, doch selbstverständlich gilt es, Grenzen zu setzen, wenn diese unseren eigenen Wertevorstellungen zuwider läuft. Frauen in Burkas möchte ich ehrlich gesagt auf deutschen Straßen nicht sehen. Eine Moschee muss ich aber akzeptieren auch wenn die christlichen Fundamentalisten meinen, dies sei der Untergang des Abendlandes. Ehrlich gesagt machen mir diese Leute wesentlich mehr Angst.

Diskutieren wir über unsere Werte

Wobei wir beim eigentlichen Kernproblem der Diskussion wären: Was sind eigentlich „unsere Wertevorstellungen“. Die Frage nach dem „unsere“ würde ich so beantworten: Zum „wir“ zählt jeder deutsche Staatsbürger. Und das schließt auch solche mit „Migrationshintergrund“ ein. (Wer „nur“ dauerhaft hier lebt, kann sich nur schwer in solche Grundsatzdiskussionen einbringen, wohingegen er oder sie z.B. auf kommunaler Ebene Verantwortung übernehmen kann.) Schon innerhalb eines relativ „einheitlichen“ Volkes gibt es zahlreiche verschiedene Vorstellungen darüber, was „richtig“ und was „falsch“ ist, kommen „andersartige“ Menschen hinzu, wird das Spektrum der möglichen Antworten größer. In einer Demokratie muss man in solch einem Fall darum ringen, welche Werte allgemeingültig sind, dass jeder damit leben kann. Problematisch wird es aber auch mit der konkreten Durchsetzung dieser Regeln. Man kann sich u.a. dafür entscheiden, dass es nicht zulässig ist, eine Frau zwangszuverheiraten (was ja übrigens bei uns nicht erlaubt ist), doch wo setzt man da die Grenzen? Ist es unzulässig, dass der Vater der potentiellen Braut befiehlt, den ausgesuchten Ehemann zu heiraten oder muss er sie erst mit körperlicher Gewalt zur Eheschließung zwingen, bevor das Gesetz einschreitet? Wer will und kann den Zwang überprüfen und gegebenenfalls dagegen vorgehen? Hier helfen uns Gesetze allein nicht weiter, hier braucht es das Bewusstsein jedes Einzelnen und den Mut, für entsprechende Vorstellungen auch einzutreten.

Insgesamt ist es viel erfolgsversprechender, demokratische Werte vorzuleben, als mit Bestrafung zu drohen. Dazu ist es absolut notwendig, dass die „Migranten“ auch stärker die Lebenswirklichkeit der Deutschen kennen lernen. Mich würde an dieser Stelle mal interessieren, welcher Leser dieser Zeilen schon einmal einen Ausländer zu sich eingeladen hat? Nehmen wir ein beliebtes Beispiel für „kulturelle Unterscheide“: die Zwangsheirat. Auch in Mitteleuropa hat es eine Weile gedauert, bevor sich solche Ideen wie eine Liebesheirat durchsetzen konnten. Zuvor spielten wirtschaftliche und soziale Auswahlkriterien eine wesentliche Rolle, weshalb die Eltern eine aus ihrer Sicht passende Ehe arrangierten. In manchen, eher „rückständigen“ Kulturen ist das noch immer so, auch weil diese Variante der Eheschließung das Überleben der Familie sichert. Vielleicht braucht es einfach mehr Zeit, bis der Gedanke, dass dies nicht mehr nötig ist, bei einem eher traditionell ausgerichteten türkischen Mann ankommt. Allzu viel Hoffnungen sollte man aber nicht haben, denn schließlich hat die „Familie“ für diese Menschen noch einen wesentliche höheren Stellenwert als das individuelle Glück. Mit dem Finger auf sie zu zeigen, bringt jedoch überhaupt nichts. Solange der „konservative“ Vater keine Gesetze übertritt – und zum Beispiel seine Tochter schlägt – gibt es keinen Grund, ihn zu maßregeln. Schließlich unterwirft sich die Tochter, wenn sie sich unterwirft, freiwillig. Viel sinnvoller erscheint es mir, hier die Frau, die sich den Anforderungen ihrer Familie wiedersetzen will, zu unterstützen, zum Beispiel, indem man ihr hilft, eine Wohnung zu finden. Diese Unterstützung fängt freilich nicht erst an, wenn „Not am Manne“ ist, sondern schon viel früher. So ist es die Pflicht des Staates, dem Mädchen einen Zugang zu Bildung zu ermöglichen und ihr so mehr Möglichkeiten für ihre spätere persönliche Entwicklung zu geben.

Blut oder Boden?

Womit wir bei einem ganz anderen Problem wären, der Schulbildung: Wenn wir an die Diskussionen der letzten Zeit denken (Stichwort Rütli-Schule), dann zeigt sich sehr oft, dass es eben kein ethnisches oder gar genetisches Problem (wie Thilo Sarrazin es gern hätte) ist, wenn Menschen von Aufstiegschancen ausgeschlossen sind. In keinem anderen europäischen Land ist der Schulabschluss eines Kindes so abhängig vom sozialen Hintergrund der Eltern. Diesbezüglich ist festzustellen, dass im Westen aber auch im Osten viele Ausländer als einfache Arbeiter nach Deutschland gekommen sind. Sie haben dann z.B. in den typischen Arbeitersiedlungen gelebt, wo man selbstverständlich unter sich ist – das ist bei deutschen Arbeitern auch nicht anders. Aus diesem Milieu hat man es, wie die einheimischen Kollegen, nicht wirklich heraus geschafft. Und die, denen ein „Bildungsaufstieg“ gelungen ist, die haben, wie erst kürzlich bei der Diskussion um die anonymisierte Bewerbung wieder deutlich wurde, immer noch mehr Probleme, einen Job zu bekommen als ein Deutscher mit vergleichbarem Abschluss. Wen wundert es eigentlich, wenn bei vielen Migranten in zweiter oder dritter Generation, die zum großen Teil deutsche Staatsbürger sind, Frust aufkommt und man meint, dass man ohne die Mehrheitsgesellschaft und deren Regeln besser lebt? Dass man sich auf “alte Werte” – in diesem Fall z.B. den Isalm – zurück besinnt oder gar eine religiös-politische Radikalisierung einsetzt? Wer wundert sich da über Parallelgesellschaften? Und gibt es die nicht auch bei den „bildungsfernen Schichten“ gebürtiger Deutscher? Ist das Ganze nicht eher ein soziales als ein ethnisches Problem?

Kommen wir zurück zu Herrn Sarrazin – übrigens ein urdeutscher Name, wie man meinen möchte. Ich kann und möchte nicht ausschließen, dass es „integrationsunwillige Ausländer“ gibt. Es ist aber in den vergangenen Jahrzehnten auch schon viel zu viel schief gelaufen, so dass es nicht verwundert, dass die „Migranten“ aufmüpfig werden. Die Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft sollte es sein, auf sie zuzugehen und die zu stärken, die auf der Grundlage des für alle deutschen Staatsbürger bindenden Grundgesetzes ein friedliches Zusammenleben anstreben. Nur so lassen sich extremistische Strömungen zurückdrängen. Auf die vermeintlich Schwächeren einzuschlagen, so wie es uns auf unwürdige Art und Weise gerade unsere französischen Nachbarn mit den Roma vorführen, ist immer der einfachste Weg. Integration bedeutet viel Arbeit und kurzfristige Erfolge sind nicht zu erwarten. Und nicht zuletzt heißt es, die Gesellschaft für alle Menschen gerechter zu machen, dann hört auch der Neid gegenüber den angeblich zu Unrecht bevorzugten Ausländern auf.

Thilo Sarrazins Auslassungen zu genetischen Konstanten bei Juden etc. ist hingegen ein Griff in die dunkelste Kiste an Ressentiments. Er sagt damit nichts Anderes, als dass „die Deutschen“ und „die Ausländer“ einfach nicht zusammenpassen, quasi biologisch. Herr Goebbels hätte an solchen Aussagen seine wahre Freude gehabt. Doch machen wir uns doch nichts vor: die Deutschen sind längst kein „blutreines“ Volk mehr, auch wenn die Nationalsozialisten das gern so gehabt hätten und deren geistige Nachfolger dies immer noch als Ideal propagieren. Sarrazins Vorfahren kam als von der französischen katholischen Kirche verfolgte Hugenotten nach Preußen. Im 17. Jahrhundert wanderten ihrerseits zahllose Deutsche nach Nordamerika aus. Noch immer ist Deutschland ein beliebtes Zuwanderungsland, weil es sich hier ganz gut leben lässt. Aus meiner Sicht ist auch noch genug Platz für Menschen, die anderswo Probleme oder keine Entwicklungschancen haben. Warum sollten sie also nicht hierher kommen? Das „deutsche Blut“ kann davon nur aufgefrischt werden…

Fazit

Um es abschließend noch einmal klar zu stellen: Unsere Gesellschaft wird zunehmend ungerechter, der gesellschaftliche Reichtum liegt in der Hand einiger weniger, der Rest schaut in die Röhre. Wer oben ist, sieht zu, dass er dort bleibt und Niemand von unten nachrückt. In solch einer Situation ist es immer schön, wenn man einen Sündenbock hat, der sich zu allem Überfluss auch noch äußerlich und kulturell vom „Durchschnittsbürger“ unterscheidet. Solange es Jemanden gibt, der unter mir steht, geht es mir gut – ein uralter menschlicher Charakterfehler. Thilo Sarrazin und seine Thesen haben wieder einmal gezeigt, dass dieser nicht die Schwäche von wenigen „Verführten“ ist, sondern ein allgemeines Problem aus der Mitte der Gesellschaft.

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8 Antworten zu “Sarrazin und kein Ende”
  1. reSpektive reSpektive sagt:

    [New Post] Sarrazin und kein Ende – via #twitoaster http://www.peer-spektive.de/politik/sarr
    via Twitoaster

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  2. Eric sagt:

    Was ich an der ganzen Diskussion nicht verstehen, jeder hängt sich an einzelnen Zitaten auf, das gesamte Buch kennt jedoch kaum einer. Warum wird nicht erst einmal das Buch von Herrn Sarrazin gelesen und anschließend diskutiert? Ich glaub so könnte man sich einiges an Diskussion ersparen.

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  3. Peer sagt:

    Das ist sicher richtig, dass man erst über ein Buch diskutieren soll, wenn man’s gelesen hat. Fakt ist aber auch, dass z.B. Sarrazin mit Bemerkungen wie dem vom jüdischen Gen – die Juden sind eine Religionsgemeinschaft! – klar zeigt, wes Geistes Kind er ist. Vielleicht sollte man sich schon deshalb das Buch nicht kaufen und den Typen sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden lassen. Ressentiments schüren zur Verkaufsförderung, das ist schon ziemlich übel.
    Dass wir eine Integrationsdebatte brauchen und aus meiner Sicht dem vorgelagert eine Debatte darüber, wohin sich unser Land entwickelt bzw. entwickeln soll, darüber müssen wir uns sicher nicht streiten.

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  4. Peer sagt:

    Zum Nachlesen: http://www.news.de/politik/855071508/sarrazins-thesen-in-der-fakten-analyse/1/

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  5. ebook leser sagt:

    Wie man im Spiegel lesen kann, ist das Buch von Sarrazin nicht nur verkaufsmässig ein Hammer, sondern es fördert auch Parteieintritte von islamfeindlichen Parteien. Vielleicht denken jetzt mal die Kritiker nach, wem sie mit ihrem Aufschrei eigentlich helfen. Den Verkaufszahlen des Buches und den islamfeindlichen Parteien. Manchmal, und das betrifft jetzt nicht nur Sarrazin, sondern auch die Kritiker, ist Schweigen besser als Reden.

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  6. Peer sagt:

    Im Prinzip hast Du ja Recht aber “die Medien” mögen den Herren wohl, sonst würden sie ihn nicht so ausführlich behandeln. Das ist doch die klassische “Endlich traut sich das mal einer zu sagen”-Situation. Nicht nur Herr Sarrazin hat was gegen die Ausländer und Muslime im Speziellen…

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  7. Triumph sagt:

    Der Auftakt der bundesweiten Lesereise von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin (SPD) an diesem Donnerstag in Potsdam ist ausverkauft. Wer trotzdem live dabei sein will, kann die Veranstaltung im Internet verfolgen. Die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) hat unter der Adresse http://www.maerkischeallgemeine.de/live einen Livestream eingerichtet. Beginn ist 20 Uhr. Die Lesung mit anschließender Diskussion im Nikolaisaal wird von der MAZ präsentiert. Veranstalter ist das Brandenburgische Literaturbüro.

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  8. Jugendmode sagt:

    Hier noch ein “Faktencheck” der Bertelsmannstiftung:

    http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-3DC0E01D-65F3E075/bst/hs.xsl/nachrichten_103249.htm

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