Über den eigentlichen Vorfall bei der Loveparade in Duisburg muss ich an dieser Stelle sicher nichts mehr schreiben – 21 Menschen starben bei einer Massenpanik in einem Tunnel. Dass jetzt nach den Ursachen für die Katastrophe gesucht wird, ist mehr als verständlich. Beobachtet man allerdings die jetzige Diskussion, so muss man konstatieren, dass da einiges schief läuft.
Schnell stand Rainer Schaller als Veranstalter der Loveparade im Zentrum der Kritik. Ehrlich gesagt, sehe ich da sein klein wenig anders: Die Schuld verteilt sich auf zahllose Schultern. Da sind zum einen die Lokalpolitiker, allen voran Oberbürgermeister Adolf Sauerland, die die Veranstaltung in ihrer Stadt haben wollten. Sieht ja auch gut aus, wenn man Kulturhauptstadt ist, noch solch eine gigantische Veranstaltung im Portfolio zu haben. Nur gibt es die selbstverständlich nicht umsonst. Als aller erstes bedarf es eines geeigneten Geländes. Und da hatte Duisburg nur ein altes Bahngelände zu bieten, unaufgeräumt, abgeschlossen und kaum ausreichend für die zu erwartende Anzahl an Besuchern. Kostenlose Großveranstaltungen unter freiem Himmel haben das grundlegende Problem, dass nur schwer absehbar ist, wie viele Menschen dem Ruf zur Party folgen. Ist das Wetter gut, platzt das Gelände aus allen Nähten, bei schlechtem Wetter verirren sich nur wenige hin. Im Sommer und im Ballungszentrum Ruhrgebiet konnten die Verantwortlichen eher davon ausgehen, dass die Zuschauerzahl recht hoch ausfällt. Das Gelände hätte also von vornherein sinnvollerweise größer ausgelegt werden können, um Reservekapazitäten zu haben. Ein Grundstück, auf dem vielleicht 300-400.000 Menschen Platz finden, ist ungeeignet wenn man die doppelt, wenn nicht gar dreifache Menge erwartet. Im Zweifelsfalle muss man sich überlegen, wohin man de „überschüssigen Gäste“ ableitet, um den Druck vom Veranstaltungsort zu nehmen. All dies ist scheinbar nicht passiert.
Als Jemand, der gelegentlich auch zu Großkonzerten unterwegs ist und selbst kleine veranstaltet, ist mir absolut fraglich, wie die Veranstalter auf die Idee kommen konnten, nur einen Zugang zum Gelände freizugeben, zudem ein hundert Meter langer Tunnel, in dem sich auch noch ein- und ausströmende Besucher begegnen. Da muss ich kein Fachmann sein, um zu wissen, dass das schief geht. Warnungen gab es ja genügend vorab.
Doch ist diese Fehlplanung Herrn Schaller anzulasten? Nicht wirklich, denn Polizei und Feuerwehr haben das Gelände so freigegeben. Sogar ein Panikforscher gab sein Urteil ab, das nicht hieß: So kann man das nicht machen! Was sollte ein Veranstalter mehr tun, als sich von allen, die offensichtlich Ahnung von der Materie haben, ein Urteil einzuholen? War es der Druck aus der Politik, der die „Sicherheitsorgane“ und den Experten ihre Bedenken vergessen ließen? Darüber kann ich an dieser Stelle nur spekulieren. Was wäre passiert, wenn die Polizei gesagt hätte: „Wir können die Veranstaltung unter diesen Umständen nicht absichern“ oder die Feuerwehr die Auflagen so erhöht hätte, dass entweder die Sicherheit gewährleistet oder die Veranstaltung abgesagt worden wäre? Eigentlich wäre das ihre Pflicht gewesen. Vielleicht hätte es für Duisburg einen kleinen Imageschaden gegeben, 21 Menschen wären jetzt aber höchstwahrscheinlich noch am Leben.
Herrn Schaller kann man aus meiner Sicht nur eins vorwerfen: Selbstüberschätzung! Erfolgreich ein Fitness-Imperium aufzubauen, ist eine Sache, eine Großveranstaltung dieser Dimension auszurichten, eine andere. Eigentlich hätte auch er merken müssen, dass die ganze Geschichte aus dem Ruder läuft. Aber so sind die Menschen nun mal; sie denken stets: „Es wird schon alles gut gehen“. Tut es auch meistens aber eben nicht immer. Diese Erkenntnis haben in Duisburg einige Technofans mit dem Leben bezahlt…
Im Nachgang ist zu befürchten, dass die Politik, die maßgeblich an der Katastrophe beteiligt war, sich für schärfere Gesetze stark machen wird und Großveranstaltungen schärfer als bisher unter die Lupe nimmt. Doch es ist so wie in den meisten Fällen, wenn profilierungssüchtige Volksvertreter nach Gesetzesverschärfungen schreien: Das Problem sind nicht die Gesetze, sondern ihre Anwendung! Solange die durch zahllose Ausnahmeregelungen ausgehebelt sowie absehbare Probleme wegdiskutiert werden und niemand den Mut hat, notwendige aber unpopuläre Entscheidungen zu treffen (z.B. durch Absage der Loveparade), werden sich solche Katastrophen wiederholen.
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